"Käptn Blye`s Expedition ins Kanadische Bisley"

Ein Bericht über die Canadien Nationals in Winnipeg
von Klaus Michalski

Eines Abends rief mich Axel Manthei an und fragte mich, ob ich Lust hätte, eine Woche nach Kanada zu fliegen. Ich glaubte erst an einen Scherz, doch Axel versicherte mir, dass dem nicht so sei, denn auf Grund meines Platzes in der Rangliste und einiger Ausfälle von Schützen, die noch vor mir in der Rangliste platziert waren, hatte ich die Chance nach Kanada zu fliegen. Natürlich sagte ich sofort zu und so begann das Abenteuer.

Als erstes waren natürlich Formalitäten zu regeln. Wie bei jedem Wettkampf muss man sich zu erst einmal anmelden, dann war da noch der kanadische Zoll, der für jede Waffe eine Aufstellung über Waffennummer, Lauflänge, Hersteller usw. verlangte. Dies war schnell erledigt. Da die Waffengesetze in Kanada, zumindest was Kurzwaffen betrifft, sehr streng sind, konnte ich nur zwei Kurzwaffen mitnehmen, da die Waffen eine Lauflänge von 104 mm nicht unterschreiten dürfen. Da die Zeit schon drängte - nur noch vier Wochen bis zum Wettkampf - wurde Anmeldung und Zollerklärung per Fax verschickt. Dann die erste positive Überraschung, denn bereits nach einer Woche hielt ich Meldebestätigung und Firearms Permit in Händen. Eine Woche vor Abflug flatterten dann auch die Flugtickets ins Haus und somit war für die Reise alles perfekt.

Am Abflugtag am Münchner Flughafen überraschte mich das nächste positive Erlebnis, denn die beiden Herren an der Zollkontrolle waren sehr freundlich. Sie überprüften kurz die Waffennummern, dann noch ein kurzes wieso und wohin und schon wünschten mir die Zollbeamten viel Glück für den bevorstehenden Wettkampf und sogleich waren sie wieder verschwunden. In der Abflughalle traf ich dann auf den Rest der Mannschaft, die ähnliches von der Zollkontrolle zu berichten wußten. Mit einer Stunde Verspätung ging es dann über den "großen Teich".

Unser erster Gang in Kanada führte uns zur Zollabfertigung. Aufgrund der exzellenten Englischkenntnisse unseres Teamkapitäns Frank Reiche (Käpt´n Blye) hatten wir auch hier "no problems". Ganz im Gegenteil, ein Zollbeamter war ganz entzückt über unsere Wettkampfwaffen. Gegen 23.00 Uhr Ortszeit erreichten wir dann endlich unser Hotel.
Für den geneigten Leser möchte ich noch kurz erwähnen das besagter Käpt´n Blye bis zur berühmten Meuterei auf der Bounty ein sehr strenges Regiment führte und da wir hier bestimmte Parallelen zu unserem TeamKäpt´n ausmachen konnten hatte er bald diesen Spitznamen. Am nächsten Tag nahmen wir Kontakt mit Claude Labossiere auf, der für uns zum unentbehrlichen Ansprechpartner für alle Nöte und Wünsche wurde. Er begleitete uns auf die Shooting Range, und wir konnten uns hier schon einmal umsehen, bevor am nächsten Tag das Training begann. Insgeheim beschlich uns der Gedanke, dass hier wohl das "Bisley" des dritten Jahrtausends sei. Das Training verlief dann auch sehr vielversprechend und wir waren alle guter Dinge in Hinblick auf die Wettkämpfe.

Die Kanadier hatten keinerlei Berührungsängste, das konnten wir auch auf der Range feststellen, die wir mit 15 Mann eines Lehrgangs für Personenschutz teilten. Ruckzuck waren wir mittendrin und konnten miterleben, wie heutzutage mit modernsten Waffen der Personenschutz bei der Kanadischen Polizei ausgeübt wird.
Ein weiterer Höhepunkt unserer Reise war die Einladung von Claude zu einem Abendessen bei ihm zu Hause. Er und seine Frau Anne empfingen uns mit einer liebenswerten Gastfreundschaft, die uns bestimmt noch lange in Erinnerung bleiben wird. Dass auch Claude zu den Sammlern und Jägern gehört, konnten wir eindrucksvoll an seiner Sammlung von Pins (Anstecknadeln) ersehen, die weit über tausend Exponate zählt. Wir waren beeindruckt von manchem Kleinod das Claude hier zusammen getragen hat.
Am nächsten Tag strengten wir uns im Training noch einmal richtig an, denn es war die letzte Möglichkeit vor dem Wettkampf Haltepunkt und Ausrüstung zu kontrollieren. Da die Range für die Wettkämpfe präpariert wurde, hatten wir einen Tag zu unserer freien Verfügung. So nutzten wir die Gelegenheit um einzukaufen und klapperten alle Gun Stores und Walmarts in Winnipeg ab. Zu guter Letzt besuchten wir noch ein Fort aus dem 19. Jahrhundert, in dem heute lebendige Geschichte erzählt wird. Studenten und Studentinnen verdienen sich hier ein kleines Zubrot, indem sie die Geschehnisse einer der größten Handelsstationen der Hudson-Bay-Company aus längst vergangener Zeit nachstellen.

Der erste Wettkampftag begann bereits um 7.00 Uhr morgens, denn schon eine Stunde später mussten wir auf der Range sein, die "Manitoba Nationals" standen an. Manitoba ist ein Staat in Kanada, flächenmäßig größer als Deutschland.
Frank Reiche und Günter Schüller legten mit je 1470 Ringen gleich zwei ordentliche Ergebnisse vor. Auch Sven Schulz und Mathias Klingebiel schossen ein gutes Match, blieben jedoch mit je 1463 Ringen etwas unter ihren Trainingsergebnissen. Mit enttäuschenden 1460 Ringen beendete ich dieses Turnier.
Die Distinguished Wettkämpfe standen als nächstes auf dem Programm. Ärgerlicherweise hatte meine Pistole am letzten Trainingstag ihren Geist aufgegeben, sodass ich diesen Wettkampf nicht bestreiten konnte. Aber meine Mannschaftskollegen bewiesen auch hier eine sichere Hand. Frank erreichte mit dem Revolver beachtliche 586 Ringe und mit der Pistole 578 Ringe. Auch Matthias erzielte mit 576 Ringen ein gutes Ergebnis. So ging der erste Wettkampftag durchaus erfolgreich zu Ende.
Am zweiten Wettkampftag standen die Canadien Nationals auf dem Programm. Wiederum hieß es früh aufstehen, denn bereits um 9.30 Uhr mussten wir konzentriert an der Feuerlinie stehen. Bei diesem Match bewies unser Käpt`n eine besonders ruhige Hand, mit 1476 Ringen erreichte er sein erstes High Master Ergebnis und ist damit auf dem besten Wege, in diese Klasse aufzusteigen. Aber auch der Rest der Mannschaft ließ es wieder gut krachen; Mathias mit 1472 Ringen, Günter mit 1468 Ringen und meine Wenigkeit mit wiederum 1460 Ringen. Leider war Sven an diesem Tag vom Pech verfolgt, den die Visierung an seiner Waffe hatte sich von selbst verstellt, aber 1449 Ringe waren es am Schluss dann doch noch. Hinzufügen möchte ich noch, dass Matthias diese 1472 Ringe mit der Pistole schoss und damit die Kanadier aufs äußerste verwirrte.
Bei den anschließenden Distinguished Wettkämpfen konnte sich wiederum Frank Reiche oder besser gesagt "Fränk Reicki", wie er von den Kanadiern genannt wurde, sehr gut in Szene setzen. Meine Teilnahme an diesem Turnier war ja eigentlich nicht möglich, da meine Waffe am letzten Trainingstag ihren Geist aufgegeben hatte. Doch hier zeigte man Gastfreundschaft und Verbundenheit, wie man sie noch aus alten Bisley Tagen kannte. Ein Schütze aus South Dakota stellte mir sofort seine Waffe samt Munition zur Verfügung, als er hörte, dass ich "Waffenbruch" erlitten hatte. Ich war ihm dafür natürlich sehr dankbar und wie es meist ist, wenn man seine Waffe ausleiht, so habe ich ihn damit auch noch nach Ringen geschlagen.
Nach den Einzelwettkämpfen wurden die Teammatches geschossen. Hier konnte die Mannschaft des BDMP einen beachtlichen 2. Platz erringen, ringgleich sogar mit der Mannschaft des 1. Platzes, es fehlten nur ein paar Xer zum Sieg. Apropos Team, der Teamgeist unserer Mannschaft war hervorragend, hier hatten sich fünf Mann gesucht und gefunden. Jeder bereicherte das Team auf seine Art und Weise, wobei unser Käpt`n Blye durch seinen exzentrischen Führungsstil unseren "Steuermann" Matthias mehr als einmal zu dem Spruch "...unglaubliche Szenen spielen sich hier ab..." hinriss. Der Spruch wurde für uns zum geflügelten Wort in Kanada und wir hatten alle viel Spaß. Nach den Wettkämpfen war abends Barbecue angesagt. Hungrig war jedoch niemand, denn den ganzen Tag über konnte man sich an einem Buffet kostenlos mit kleinen Snacks und Getränken bedienen - bei einer Startgebühr von nur 75 DM fast unglaublich. Etwas verdorben wurde uns der Appetit auch von den Stechmücken, die hier so massiert und heimtückisch auftraten, wie man es bei uns in Deutschland nicht kennt. Die Abende nach den Wettkämpfen waren jedoch immer geprägt von interessanten und unterhaltsamen Gesprächen mit den kanadischen Schützen, die uns mit Pins und Patches überhäuften, jeder von uns machte reiche Beute. Gott sei Dank gab uns das Präsidium genügend Tauschobjekte mit, sodass auch wir nicht mit leeren Händen dastanden. Auch gaben uns unsere Kanadischen Schützenfreunde den einen oder anderen guten Tipp, nicht nur auf den Schießsport bezogen, sondern auch was das Vergnügen betraf. So streiften wir abends noch durch die empfohlenen Lokale in Winnipeg und amüsierten uns köstlich.

Am dritten Tag fanden dann die Off-Duty-Wettkämpfe statt, die wir auf Grund der Tatsache, dass wir die entsprechenden Waffen ja nicht einführen durften, schon abgehakt hatten. Doch auch hier überraschte uns die überragende Hilfsbereitschaft der Kanadier. Claude Labossiere hatte für jeden von uns eine Waffe samt Munition organisiert und so konnten wir auch am Off Duty-Wettkampf teilnehmen. Der Ablauf hierzu lehnt sich stark an das Match 5 an und fällt mit 60 Schuss ziemlich heftig aus.
Hier konnten sich wiederum Frank und Günter gut in Szene setzen. Mit 586 bzw. 582 Ringen erzielten sie hervorragende Ergebnisse. Mathias, Sven und ich hatten an diesem Tag schwer mit dem Wind zu kämpfen, der ausgerechnet während unseres Durchganges sehr stark auffrischte und zeitweise sogar heftige Windböen mit sich brachte. So war es teilweise äußerst schwierig, die Waffe auf der Scheibe zu halten.
Zum Schluss der Veranstaltung kamen die weiblichen Schützen an die Feuerlinie zu einem Match, das sich Auxiliary nennt - übersetzt: "Hilfsmatch". Der Ablauf wurde uns von Claude folgendermaßen erklärt: Die Männer helfen den Frauen im Wettkampf, indem sie das gesamte Match über hinter Ihnen stehen, die Treffer ansagen ,die Waffen laden, Störungen beseitigen und während des Wechsels von einer Station zur nächsten die Waffen und Ausrüstung sicher transportieren. Das Match selbst ähnelt dem Match 5, nur dass hier die Ablaufzeiten etwas verlängert und die Entfernungen etwas verkürzt worden sind. Sinn der Sache dabei ist, den Frauen die Angst vor der "Technik" bei 1500 zu nehmen. Und es gibt den Männern natürlich etwas Rückenwind, wenn auch die Frauen in einem eigenen Match mitschießen. Eine durchaus nachahmungswürdige Sache, wie ich meine.

Am Sonntagabend fand dann die Preisverteilung statt, in dessen Verlauf sich wiederum unglaubliche Szenen abspielten. Als Claude die Mannschaft des BDMP zu sich nach vorne rief, brach unheimlicher Jubel los und wir bekamen "Standing Ovations" von allen anderen Schützen. Da läuft es einem eiskalt den Rücken runter.
Der Siegerehrung folgte eine feuchtfröhliche Feier. Unsere Trinkgläser wurden niemals leer, denn sofort war ein Schützenkollege zur Stelle, um sie sogleich wieder zu füllen. Doch leider auch diese Festlichkeit neigte sich schließlich dem Ende zu und als unser Teamkapitän am Ende des Abends sich im Namen aller für die uns entgegengebrachte herzliche Gastfreundschaft bedankte, stiegen die Kanadier auf die Stühle und klatschten frenetisch Beifall. Überwältigt von diesem unbeschreiblichen Erlebnis und den Ereignissen der letzten Tage versprachen wir alle im nächsten Jahr wieder zu kommen. Wir hoffen natürlich, dass der BDMP uns in diesem Bestreben unterstützt.

Am nächsten Tag hatte uns der Alltag wieder eingeholt, Koffer packen, Fahrt zum Flughafen, einchecken und ab nach Hause. Auf dem Flug zurück nach Deutschland waren wir uns alle einig, dass wir in Kanada viele neue Freunde und ein neues Bisley gefunden hatten. Die überaus positive Resonanz auf unser BDMP-Team wird uns wohl am längsten im Gedächtnis bleiben.